Der Fuchs und die Elster
Zur Elster sprach der Fuchs: “Oh! Wenn ich fragen mag,
Was sprichst du doch den ganzen Tag?
Du sprichst wohl von besondern Dingen?”
“Die Wahrheit”, rief sie, “breit ich aus.
Was feines weis heraus zu bringen,
Bring ich durch meinen Fleiß heraus,
Vom Adler bis zur Fledermaus.”
“Dürft ich”, versetzt der Fuchs, “mit Bitten dich beschweren:
So wünscht ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören.”
So, wie ein weißer Arzt, der auf der Bühne steht,
Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht,
Sein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht:
So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder,
Und strich an einen Zweig den Schnabel hin und wieder,
Und macht ein sehr gelehrt Gesicht.
Drauf fängt sie ernsthaft an, und spricht:
“Ich diene gern mit meinen Gaben,
Denn ich behalte nichts für mich.
Nicht wahr, Sie denken doch, dass Sie vier Füße haben?
Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich.
Nur zugehört! Sie werdens finden,
Denn ich beweis es gleich mit Gründen.
Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht,
Und er bewegt sich nicht, so lang er stille steht;
Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde,
Denn dieses ist es noch nicht ganz.
So oft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde.
Betrachten Sie nun Ihren Schwanz.
Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget,
Dass auch Ihr Schwanz sich mit beweget;
Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort,
Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort,
So oft Sie nach den Hühnern reisen.
Daraus zieh ich nunmehr den Schluß,
Ihr Schwanz, das sein Ihr fünfter Fuß:
Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen.”
Ja, dieses hat uns noch gefehlt;
Wie freu ich mich, dass es bei den Thieren
Auch große Geister gibt, die alles demonstrieren!
Mir hats der Fuchs für ganz gewiß erzählt.
Je minder sie verstehen, sprach dieses schlaue Vieh,
Um desto mehr beweisen sie.



