Immer diese Schwärme!

Heute, 9.00 Uhr. Mal ausnahmsweise früh aufgestanden.
“Früher” hab ich mir erstmal Kaffee gemacht und eine Stunde im Internet gesurft.
Heute hab ich mir erstmal Kaffee gemacht und eine Stunde durchs Spektiv geguckt. Das ist viel erfüllender.

Draußen dicke Schneedecke, auch auf den Zweigen. Mit dem weißen Wald im Hintergrund kann man die Vögelchen auch als kurzsichtigen Maulwurf, wie ich es bin, erkennen. Ich habe festgestellt, dass meine Brille die Objekte verkleinert. Das harte Los der Kurzsichtigen dabei: wenn man ohne Brille guckt, sieht man durchs Spektiv besser und größer, aber wenn man ohne Spektiv guckt, sieht man nichts.

Die frühe Stunde brachte die üblichen zwei Türkentauben, die den Baum vor unserem Wohnzimmerfenster seit Jahr und Tag als Brutplatz benutzen. Ihr Gurren und Huhen gehört zu jedem Wochenende. Es sind schöne Tiere, finde ich. Sie symbolisieren den Frieden, haben eine interessante Braun-Beige-Farbe und gucken immer so sanftmütig aus der Federwäsche. Ganz besonders drollig sind sie, wenn sie auf der Straße herumdackeln und Kieselsteine aus den Kanaldeckeln holen. Leider sind sie ein wenig begriffstutzig, wenn Autos hernnahen. Sie fliegen kurz vor knapp auf. Ich selbst musste schon mehrmals wegen den beiden verlangsamen.

Inzwischen kenne ich mein Hausgebiet recht gut. Ich weiß, wo die interessantesten Vögel sitzen: auf den Bäumen, die am weitesten entfernt von meinem Beobachtungspunkt stehen. Luftlinie: 100-120 m Entfernung. Vogelgucken ist dann ein lustiges Ratespiel. Das Spektiv jedoch ist sein Geld wert: es bildet Farben prächtig ab, und so kann man die meisten Vögel, die größer als eine Meise sind, gut erkennen, und ein Umzug 100 Meter weiter ist unnötig.

Heute jedoch könnte ich mich wieder ärgern: ein riesiger Schwarm Irgendwas sitzt in den Birken da hinten. Bergfinken wurden für meine Heimatstadt gemeldet, aber die schwirren immer nur auf der anderen Seite des Berges, auf dem ich wohne, herum.

Brille rauf, Brille runter. Mit Brille sind die Vögel schärfer, aber kleiner und farbloser. Ohne Brille sind sie größer, aber verschwommener, egal wie fein ich den Fokus einstelle.
Irgendwann dann erkenne ich einige Mitglieder der lustigen Gesellschaft, die da zwischen drei Bäumen immer hin und herfliegt. Der finstere Gesichtsausdruck und die olivgrünen Farben sind unverkennbar: Grünfinken.
Aber das da? Das ist keiner. Der ist rot (mit Brille). Rotbraun (ohne Brille). Dreht mir den Rücken zu, ist riesengroß, ein richtiger Schlägerkerl im Vergleich zu den grünen Gesellen. Aber zu weit weg, um Details auszumachen.
Dann noch was lustiges: grüngelb. Aber der Schnabel passt nicht zum Grünfink. Er ist länger. Fragezeichen stehen über meinem Hausdach. Es fliegt weg und eine schwarze Stirnplatte ist erkennbar. Ein Erlenzeisig? Mit zwanzig Fragezeichen dahinter. ICh sehe den Vogel nicht wieder.

In der Tanne vor dem Fenster treiben sich die üblichen Verdächtigen herum.
Eine Türkentaube huht die andere verführerisch an, dann nesteln sich beide nah an den Stamm auf der anderen Seite heran und ich darf schöne Schwanzfedern bewundern, die auf und ab wippen.
Ganz oben wedelt ein Kohlmeisenmännchen mit den Flügeln und tschilpt ein Weibchen unter ihm an. Ein paar Etagen weiter unten im Geäst turnen Tannen- und Blaumeise.
Ich mag diesen Baum. Hoffentlich sägen sie ihn nicht ab wie seine fünf anderen Freunde, die neben ihm standen. Wir haben jetzt zwar mehr Licht im Zimmer, aber dafür weniger Vögel vor dem Fenster.

Mal wieder nach DEM SCHWARM schauen. Er ist ein bisschen näher gerückt, zu den Bäumen, die nur 100 m weit entfernt sind. Eindeutig Grünfinken. Noch ein Buchfink ist dabei. Ein Kommen und Gehen ist das. Mindestens 16 Tiere, vermutlich sind es einige mehr, verteilt in der ganzen Straße. Teile des Trupps trennen sich und spielen Reise nach Jerusalem auf Vögelisch.
Dann mit einem Mal, WOMM! landet der dicke Kerl wie eine Tupolev im Schwarm der Grünlinge. Rotbraun, dunkler Kinnfleck, Stiernacken, alles klar: ein Kernbeißer hat sich dem Schwarm angeschlossen. Der dünne Birkenzweig biegt sich bedenklich nach unten, ein paar der Grünen sind panisch abgehauen, aber der Rest akzeptiert den Vogel.

Nach einer Stunde ist das meiste Spektakel vorbei. Eine einsame Rabenkrähe zieht noch ihre Bahn. Sie ist der letzte Eintrag fürs erste.

Türkentaube 2
Kohlmeise 5
Amsel 4
Grünling min. 16
Buchfink 3
Blaumeise 1
Tannenmeise 1
Kernbeißer 1
Rabenkrähe 1

Unbestimmt:
Erlenzeisig
Dompfaff

Vermisst habe ich heute:
Elster
Kleiber
Rotkehlchen
Sumpfmeise
Stieglitz

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